Posts zu Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Nils Röller (Mediale Künste, DKM, ZHDK)
Marina Sawall: Tomas Schmit – das ist alles!/that’s all, 1992
Seminar „Magie der Zahl“ (HS 2007) 7.1.2008 Leitung: Dr. Nils Röller Marina Sawall
Werk: Tomas Schmit: das ist alles!/that’s all, 1992. Zeichnung auf Papier.
1. Bildbeschreibung:
Auf einem Blatt (wahrscheinlich DinA4) sind mit Bleistift und Buntstiften sowohl sprachliche als auch symbolhaft anmutende Elemente vereint. Sie erscheinen allerdings schon auf den ersten Blick in einer gewissen Ordnung strukturiert. Den größten Teil des Blattes nimmt eine Anordnung zweifarbiger Kreise ein, die in 64 Dreiergruppen über- und nebeneinander angeordnet sind, und an Moleküle in einem naturwissenschaftlichen Modell erinnern. Die Kreise sind in insgesamt vier Farben gehalten (rot, grün, blau, gelb), die in Paaren von rot/grün bzw. grün/rot und blau/gelb bzw. gelb/blau auftreten. Die kräftige Farbe zieht die Aufmerksamkeit auf sich und rückt so das „Modell“ in den Mittelpunkt der Zeichnung.
Links davon sind zwei mit Bleistift geschriebene Kommentare, von denen der untere angibt, dass es sich bei den Kreis-Gruppen á drei Kreise um 64 Wörter handelt, und damit um genau die Anzahl der Wörter „der Sprache, die uns spricht, und zwar uns alle“. Das Wort ‚alle’ ist dabei in Großbuchstaben mit schwarzer Kontur geschrieben, die in verschiedenen Farben schwach ausgemalt sind. Rechts daneben stehen zwei Interpunktionszeichen, ein Komma und ein Doppelpunkt. In Zusammenhang mit diesem Kommentar erinnert die Kreisanordnung an das Periodensystem, mit dem alle in der Luft und im Wasser und in der Erde enthaltenen Stoffe in ihrer Konsistenz und der Wertigkeit ihrer relativen Atommasse angegeben werden können.
Über das Periodensystem hinaus, das längst mehr als 100 Stoffe in einander chemisch ähnlichen Gruppen ordnet, weist Schmits „System“ oder „Modell“ aber auf seine unendliche Weiterführung hin. So steht am rechten Bildrand in Großbuchstaben (schwarze Kontur, schwach ausgemalt mit blauem Buntstift) „USW“ für ‚und so weiter’. Das kann sich einerseits auf den vom oberen linken Bildrand nach rechts und dann im rechten Winkel nach unten gezogenen Bleistiftstrich beziehen, der sich als eine Art Wachstumslinie von der abstrakten Linie in einen Seitentriebe ausbildenden Stiel einer undefinierten Pflanze wandelt und schließlich mit einem Tier- und einem Menschenkopf endet, an dessen Hals das „USW“ anschließt. Andererseits verweist das „USW“ auch auf die Sprache als unendlichem Kombinations- und Bedeutungssystem. Direkt unter der Abkürzung stehen zwei Wörter in Großbuchstaben, die aussehen wie zusammengesetzte Substantive, die aber in keinem Duden zu finden sind – „HÜCKESWAGEN“ und darunter „RASENMÜCKEN“. Sie erscheinen als die Folge der auf der linken Bildseite beginnenden Wortaufreihung bekannter und hauptsächlich nicht zusammengesetzter Substantive wie „BAZILLE“ und „KAMILLE“. Die insgesamt 26 Wörter scheinen allesamt aus dem Bereich der Pflanzen- und Tierwelt zu stammen, worunter einige wenige gemischt sind, die auf Kulturtechniken verweisen, wie das Schneidern („Kleiderbögel“ (sic!)), das Rad als Fortbewegungshilfe („Hückeswagen“) oder das Rechnen („Additionsröschen“; „Kassenkellner“).
Der obere Kommentar am linken Bildrand scheint ein Pendant dazu zu sein. Gegensätzlich zur unendlich fortführbaren Wortkette ist er von einem in sich selbst geschlossenen Pfeil umgrenzt und somit abgeschlossen. Zusätzlich sagt der Kommentar von sich aus, einen „winzigen Teil“ der Sprache darzustellen („Diese Wörter sind ein winziger Teil der Sprache, die wir, winziger Teil der Art ‚Homo Pseudosapiens’, sprechen“).
Auffälliger ist aber der in Leserichtung abschließende Teil des Blattes, die untere rechte Ecke. Sie ist von einer gestrichelten, und damit nur halbdurchlässigen Linie vom Inhalt des restlichen Blattes abgetrennt. Ebenso wird sie durch starken Farbauftrag mit den Buntstiften hervorgehoben, der sonst in dieser Stärke nur noch auf die Kreise angewandt wurde. So sind das Kreis-Modell und die untere rechte Ecke sofort in Beziehung zueinander gesetzt. In letzterer findet sich eine Erklärung zum Modell, das durch Zahlen Beweiskraft erhalten soll. Die Zahlen von Eins bis Vier treten auf, sind allerdings sämtlich ausgeschrieben und nicht als Zahlsymbole dargestellt. Sie sind in Großbuchstaben geschrieben mit schwarzer Kontur und in verschiedenen Farben ausgemalt. Sie beschreiben eine in eine Vielheit aufgeteilte und nach bestimmten Gesetzen zusammengesetzte Einheit. Diese Einheit wird mit “WIR” bezeichnet (“WIE WIR EIN DING SIND“), die der Erklärung zufolge ein „Ding“ aus Zweierpaaren in Dreiergruppen ist, das von vier Stoffen angeordnet wird. Diese Erklärung in Form einer Aufzählung der Zusammensetzung endet mit dem besonders stark farbigen Satz: „Das ist alles!“, indem sogar die einzelnen Buchstaben (alles Großbuchstaben) zweifarbig sind wie die Kreise im oberen Modell.
2. These:
“Dass und wie wir ein Ding sind”, stellt Tomas Schmit in seiner Zeichnung „das ist alles!“ in einer Vielfalt von Zeichen dar, darunter Schriftzeichen und Zahlzeichen, sowie Kreissymbole mit einer Ähnlichkeit zu Darstellungen von Molekülen und Stoffgruppen in naturwissenschaftlichen Modellen. Aber schon in der Uneindeutigkeit des „einen Dings“ ist die Relativität der in „das ist alles!“ auftauchenden Zeichen zu erkennen, die vor allem durch Unzuordenbarkeit und verwirrende Behauptungen erreicht wird.
Die behauptete Einheit des einen Dings wird mit den verschiedenen Zeichen in ihre Bestandteile aufgelöst. Nur weisen die Bestandteile einmal in die Richtung einer zahlenmäßig festgelegten Größe von genau 64 Wörtern, und gleichzeitig – mit der Unabgeschlossenheit verschiedener Zeichensprachen durch das „USW“ – in die Richtung einer oder mehrerer Unendlichkeiten. Die Sprache, die Linie der Lebewesen und das Kreismodell sind nicht abgeschlossen, sondern unendlich erweiterbar. Die Aussage „DAS IST ALLES!“ am unteren Bildrand steht in Widerspruch dazu.
Außerdem erhalten die verschiedenen Komponenten der Zeichnung ihre (behauptete) Aussagekraft nur durch wechselseitige Beeinflussung: Die Wörter als Elemente der Sprache bezeichnen beispielsweise die Funktion der Kreisgruppen. Sie schreiben ihnen die Bedeutung zu, für die 64 Wörter der „Sprache, die uns spricht und zwar uns alle“ zu stehen. Damit verweisen sie auf naturwissenschaftliche Versuche, Gesetzmäßigkeiten festzustellen, die den Prozessen in der Natur zugrunde liegen und sie mit abstrakten Zeichen auszudrücken. Die Kreise erinnern zwar durch ihre Struktur und Anordnung an Modelle wie das Periodensystem, können aber weder diesem noch einem anderen gültigen wissenschaftlichen Modell direkt zugeordnet werden und spielen somit auf den künstlichen und symbolhaften Charakter aller Zeichen an. Alle Elemente der Zeichnung sind dabei Ausdruck von Kombinationen zwischen den verschiedenen Zeichensystemen. Diese stützen einander, da keines in sich hinreichend ist. Die Kombination der Zeichensysteme wird besonders anschaulich an der Stelle des unteren abschließenden Kommentars, in dem die Zahlen in den Zahlwörtern von Ein[s] bis Vier ausgeschrieben sind.
Darin, dass aus der Kombination und der gegenseitigen Bezüglichkeit keine klare Aussage erkenntlich wird, scheint eine Gegenreaktion auf die Zweckdienlichkeit von Zeichen zu liegen. Diese wird in „das ist alles!“ indirekt auch dargestellt, denn Zeichen bezeichnen und verweisen vor allem auf die Bedeutung des Bezeichneten – und in Schmits Zeichnung bezeichnen sich die Elemente, wie bereits erwähnt, gegenseitig. Gleichzeitig wird die Funktion der Zeichen aber in einem „Akt der Befreiung“ der Zeichen ad absurdum geführt, denn es ist nicht mehr zu erkennen, was die Zeichen bezeichnen. Es sind immer nur Anspielungen, keine konkreten Bezüge.
Spielerisch und mit einem karikierenden Zug stellt Schmit die Wirklichkeitsmacht der Zahlen und sonstigen Zeichen, die die Wissenschaft verwendet, in Frage. Die Sprache als Bedeutungssystem wird durch sinnfreie Wortkombinationen wie „FELSENZOCKER“ oder „ADDITIONSRÖSCHEN“ zur Spielwiese des Absurden. Die Zahlen, die in der Wissenschaft oft dazu dienen, Glaubwürdigkeit und objektive Urteilskraft zu verkörpern, geraten in die Position des verwirrenden Faktors: Es ist unmöglich die drei zweifarbigen Kreise der Kreisgruppen mit Wörtern gleichzusetzen oder nachzuprüfen ob ein Mensch ein Ding ist, das aus entweder 64 solcher Dreikreiswörter besteht oder aus den Zahlwörtern Ein[s], Zwei, Drei und Vier. Letztere werden in ihrer Kombination mit Begriffen und Mengen (Ein Ding, Zweierpaare, Drei Gruppen, vier Stoffe) und schon allein in der Zahlenfolge, in der sie stehen, als relative Symbole gezeigt. Nur in Beziehung zu anderen Zahlen oder zu Begriffen können sie etwas aussagen. Auch dass die Anordnung der Kreise in einem komplexen System aus 12×5 und 1×4 Dreiergruppen in 13 vertikalen Reihen gewählt wurde, das in der Summe also tatsächlich 64 Kreisgruppen ergibt, verwirrt in der scheinbaren Notwendigkeit genau dieser Anordnung. Dieser Ordnung entgegengesetzt, scheinen in der Zeichnung alle Rechenoperationen durcheinandergeraten zu sein: eine wenig eindeutige Einheit („WIE WIR EIN DING SIND“) wird behauptet, die mittels Division in ihre Bestandteile zergliedert wird, während ihre Teile dann wieder addiert oder gar multipliziert werden. Auf dem Blatt scheint aber nicht die vollständige Einheit/Zerlegung abgebildet, da auf mehreren Wegen ins Unendliche verwiesen wird. Nur der Aussagesatz „DAS IST ALLES!“ verkündet ihre Abgeschlossenheit.
3. Vergleich mit einem behandelten Ansatz:
In „das ist alles!“ lassen sich eigentlich zwei der im Seminar behandelten Ansätze verbinden: Novalis’ sich jedem Versuch der Entschlüsselung entziehende Chiffrenschrift und seine Forderung nach einer Befreiung der Zeichen zu einem freien Spiel, sowie Ernst Cassirers Plädoyer für die Wissenschaft als dem Höhepunkt menschlichen Denkvermögens und dem Hinweis auf die Wahrnehmung der Welt durch die Vermittlung über Symbole.
Cassirer verweist in seinem Versuch über den Menschen in dem Kapitel über die Wissenschaft auf den symbolischen Charakter der Zahl und darauf, dass mit der Einführung neuer Zahlen, wie beispielsweise den Irrationalen Zahlen, auch neue Symbole hergestellt oder ihnen neue Bedeutungen verliehen werden müssen. Symbole sind also Artefakte, etwas von Menschen Gemachtes.
Die immer neuen Symbole sind aber gleichzeitig Ausdruck davon, dass sie an eine Zeit gebunden und ihre Bedeutung eigentlich wandelbar ist. Die Gesetzmäßigkeiten, die mit ihnen dargestellt werden, sind nicht letztgültig. Aber Symbole und Zeichen helfen, komplexe Prozesse und Beziehungen überhaupt darzustellen und in ein kohärentes System einzuordnen. Für Cassirer steht hierbei die Zahl vor sprachlichen Symbolen im Vordergrund, da die Zahlen einer inneren Logik folgen und so das System der Zahlen im Gegensatz zum Sprachsystem vollständige Transparenz bieten würde.
In Schmits Zeichnung dagegen kann keine klare Präferenz für eines der Symbole erkannt werden. Sprachliche mischen sich mit Zahlsymbolen und den Kreisen. Letztere tragen als geometrische Elemente unter zusätzlicher Verwendung von Farben und der Anordnung in einer Struktur Symbolcharakter. Vielmehr als eines unter ihnen hervorzuheben, scheint hier eher angestrebt, ihre Beziehung zueinander darzustellen und zu zeigen, dass verschiedenste Symbole hergestellt werden können, und mit ihnen operiert werden kann. Schmits Zeichnung ist ein Verweis darauf, dass alle Symbole bereits in ihrer Eigenschaft Symbole zu sein verbunden sind, aber auch welche Möglichkeiten das zu ihrer Verwendung bietet. Um etwas abstrakt darzustellen, stehen unendliche Möglichkeiten zur Verfügung, die unerschöpft bleiben, wenn sie nicht auf ihre Kombinationsmöglichkeiten hin untersucht werden.
Schmits Anregung funktioniert aber nur, wenn die Wirklichkeitsmacht der einzelnen Symbolsprachen kritisch betrachtet wird. Dem Wissenschaftler ist es (zumeist) bewusst, dass seine Modelle und Gesetze, die er mittels Symbolen entwickelt, niemals völlig zureichend die Welt erfassen und letztgültige Aussagen formulieren können, aber nicht jedem Rezipienten dieser Modelle und Gesetze, der damit außerhalb der wissenschaftlichen Sphären konfrontiert wird. Sonst fänden populärwissenschaftliche Zeitungen wie „P.M.“ keinen so großen Absatz. Auch das Atommodell aus dem Chemieunterricht prägt für viele nachhaltig die Vorstellung, dass ein Atom so (und nicht anders) aussehen muss.
Schmit spielt in „das ist alles!“ mit der Vermittlungsfunktion und dem künstlichen Charakter der Symbole. Die sich gegenseitig bis in die Zweckfreiheit bezeichnenden Symbole in seiner Zeichnung erinnern dabei an Novalis. Hier scheint dessen Wunsch danach umgesetzt, die Zeichen von ihrer Zweckmäßigkeit zu befreien – hin zu einem lustvollem Spiel, den er in der Erzählung Die Lehrlinge zu Sais äußert. Wie bei Novalis beruht dies auch bei Schmit auf der Erkenntnis, dass sich die Naturgesetze immer wieder einer eindeutigen Übersetzung und Darstellung entziehen, welche Symbole und Formeln auch immer für sie entwickelt werden. Der spielerische und experimentelle Charakter von „das ist alles!“ resultiert aber auch aus dem kritischen Impuls Schmits, sich mit vorsätzlich objektiven und allgemeingültigen Aussagen und Behauptungen auseinanderzusetzen und sie erst einmal in Frage zu stellen, bevor er sie annimmt. Er geht ironisch mit wissenschaftlichen Idealen wie Objektivität, Messbarkeit und Zählbarkeit, sowie Bedeutungssystemen um. Seine Zeichnung „das ist alles!“ hat mich einmal deshalb interessiert, weil er kritisch der Idee gegenübersteht, die Komplexität der Phänomene in der Welt in allgemeingültigen Gesetzen darstellen zu können. Besonders hat mich dabei ihr Witz angesprochen und ihr Potential, einen Austausch anzuregen zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden und Darstellungsweisen.