Marina Sawall: Dan Flavin – The Nominal Three (To William of Ockham)

Seminar “Magie der Zahl” (HS 2007) Leitung: Dr. Nils Röller

Marina Sawall

  1. Werk:

Dan Flavin: “The Nominal Three (To William of Ockham)” 1963. Sechsteilig, Leuchtstofflampen, 183 cm hoch, Breite variabel (weißes Tageslicht).

  1. Beschreibung:

In einem Raum (zur Zeit das Kunstmuseum Luzern) können an einer Wand sechs Leuchtstoffröhren in drei Teilen angeordnet werden. Eine Röhre in der linken Ecke, zwei in der Mitte der Wand und die drei noch bleibenden in der rechten Ecke. Die zwei mittleren und die drei rechts angebrachten Röhren liegen dabei jeweils direkt aneinander. Durch die symmetrische Anordnung auf der Wand ergeben sich zwei (mit Augenmaß gemessen) gleich große Zwischenräume an unbedeckter Fläche. Alle Röhren leuchten mit weißem Licht der gleichen Stärke. Die Hintergrundfarbe der Wand kann das Museum bestimmen. In Luzern ist sie weiß, in der Tate Gallery, London war sie schwarz.

  1. Bezug des Werks zu Zahlen, Zeit und Technik:

Alle drei Aspekte: Zahl, Zeit und Technik spielen eine Rolle, sind aber auf verschiedenen Ebenen im Werk, im Raum und in der Wahrnehmung des Betrachters wirksam.

Zahl ist schon in den geforderten sechs Leuchtstoffröhren aber auch im Titel in der Zahl Drei (Three) direkt angesprochen. Aber sowohl sichtbar als auch im Titel gibt es unterschwellige Möglichkeiten der Wahrnehmung und Reflexion von Zahlen:

Im Werk und seiner räumlichen Präsenz deshalb, weil die symmetrische Anordnung in drei gleichweit voneinander befindlichen Teilen den linearen Anstieg (1-2-3) zuerst unterschlägt. Eine optische Täuschung, die das intuitive Zählvermögen auf die Probe stellt und verwirrt: Auf den ersten Blick wirkt es, als stehe der Betrachter vor drei Leuchtstoffröhren, so dass man fragen könnte, ob es sich hier um eine Rechenoperation von 1+1+1 handelt, so dass alle Teile gleichwertig wären. Wenn sich das Auge nach längerer Betrachtung an das Licht gewöhnt hat, wird erkennbar, dass in der Mitte der Wand statt einer Röhre zwei Röhren nebeneinander hängen. Immer noch eine Symmetrie annehmend, scheint es nun, als hingen dort sechs Röhren in drei Paaren (II+II+II).

Dabei ist es keines von beiden, sondern ein in weißem Licht verschwimmender Anstieg (I+II+III). Unbewusstes Zählen findet sofort beim Blick auf die Installation der Lichtröhren statt – und gerade weil es verwirrt wird, indem dem Betrachter mehrere Rechen- und Zähloperationen gleichzeitig abverlangt werden, wird er darauf gestoßen, dass sie überhaupt stattfinden.

Im Titel wird ebenso mit dem Wort „Nominal“ und dem Hinweis auf William von Ockham (1285-1349) auf eine Teilung der Einheit der Zahl Drei („The Nominal Three“) verwiesen, die aber nur im Wissen um Ockhams Bezug zum Universalienstreit deutlich wird. Genau wie in den immer einzeln abgegrenzten, also diskreten, Einheiten der Leuchtstoffröhren kann bei Ockham Wirklichkeit oder Existenz nur im Einzelding statthaben. Ein abstrakter Begriff – wie hier die Zahl Drei – ist allgemein brauchbar, aber nur Fiktion. Die Drei kann nicht für sich existieren, sondern muss in einer Form dargestellt werden oder als (Zahl-)Symbol 3. Als Alternative zum Symbol bietet sich nur eine Aufteilung in drei Teile an, wie Flavin sie gewählt hat.

Zeit ist für Flavins Installation ein unabdingbarer Faktor: Einmal, indem er sich mit dem Verweis auf den Universalienstreit auf einen Diskurs des 14. Jahrhunderts bezieht und zeigt, dass dessen Erkenntnisse immer noch gültig sind. Andererseits stellt sich damit auch die Frage nach der Differenz der Kulturtechniken und Darstellungsmöglichkeiten in einer Spanne von immerhin sechs Jahrhunderten. Die Arbeit mit künstlichem Licht ist erst seit dem 19. Jahrhundert durch die Erforschung praktischer Anwendungsmöglichkeiten der Elektrizität möglich.

Vor allem aber ist der Prozess des Betrachtens von Flavins Installation an die Zeit gebunden. Die Gewöhnung des Auges an das Licht, sowie die unbewussten Zähl- und Rechenoperationen, die daraus resultieren, sind Ausdruck der Bedeutung der Dauer für die Wirkung des Werks. Während der Betrachtende zuerst drei gleiche Teile sieht und dann im Prozess der Reflexion erst die sechs Einzelröhren und die Art ihrer Gruppierung in drei in Zahl und Menge der Lichtröhren linear ansteigenden Teilen wahrnehmen kann, vergeht Zeit.

Gleichzeitig ist schon die Arbeit mit Licht ein Verweis auf die Zeit, da es sich im Raum ausbreitet und ihn erhellt. Die Zeit ist nun nicht mehr nur als abstrakter Begriff anzusehen. Als Prozess, der in der Form der Ausbreitung des Lichtes wie auch der unbewussten Rechenoperationen in Bezug auf die Leuchtstoffröhren andauert, wird sie zur beobachtbaren Größe.

Hierin liegt wieder ein gewisser Witz Flavins: bei Ockham kann der abstrakte, allgemeine Begriff nur in der Summe der Dinge existieren – und auch in Flavins Installation muss die Summe aus einem Additionsverfahren errechnet werden.

  1. Warum ich das Werk gewählt habe:

In diesem Spiel Flavins mit der Wahrnehmung von Zeit und Zahl sehe ich einen deutlichen Bezug zum Seminar. Und auch die Verwirrung der Wahrnehmung durch verschiedene Zählprozesse, die das Werk in Gang setzt, und der erstaunlich einfache Aufbau der Installation heben das Werk hervor: gleichzeitig witzig und leicht und doch mit soviel Anklängen und der Verdeutlichung davon, wie schwierig es ist, Zahlen und Zeit, also abstrakte Begriffe, darzustellen. Auch mit technischen Errungenschaften – wenn auch noch ohne Computertechnik.

Die Reflexion über kulturhistorische Entwicklungen und das Abstraktionsvermögen des Menschen, die im Seminar anhand von Lewis Mumfords Buch “Mythos der Maschine” besprochen wurde, ist auch in Flavins Beschäftigung mit Ockham und den damaligen theoretischen Diskursen zu finden. Besonders sehe ich aber auch eine Nähe zu Barnett Newmans „Onement“: Denn auch in Flavins „The Nominal Three“ überlappen sich verschiedene direkte und indirekte Darstellungsweisen von Zählprozessen, auf die schon im Titel mit einer Zahlenmetaphorik hingedeutet wird. Während beide Werke in ihrem Aufbau klar und schlicht sind, ist Flavins Installation ebenso wie Newmans „Onement“ subtil und trotz der sofortigen Wirkung des ersten Eindrucks vielschichtig.

Man kann immer neue Fragen stellen, die aus der Verschränkung der Ebenen hervorgehen:

Sind Zahlen als Gestalten überhaupt darstellbar?

Oder ist Zeit zählbar? Kann sie in Segmente untergliedert werden, wie eine Zahl?

Ist Zählen nur fortlaufend oder auch zurück möglich?

Können mehrere Zahlen eine Zahl sein, ähnlich eines Homonyms – in diesem Fall als „Phäno-Nym“ vielleicht 3 und 6 zugleich (I II III)? Schließlich handelt es sich bei genauer Betrachtung um Faktoren oder Summanden, die zusammen eine Summe ergeben. Wobei hier der besondere Fall eintritt, dass zwei verschiedene Summen gleichzeitig möglich sind. Geht man nur aus von der dreiteiligen symmetrischen Anordnung leuchtender Körper an der Wand, bilden eins + eins + eins (I+I+I) als Summe die Zahl Drei. Achtet man jedoch auf die unterschiedliche Zusammensetzung der drei Teile in eins + zwei + drei (I+II+III) Röhren, ergibt sich die Zahl Sechs als Summe. Obwohl das immer eine Art Betrug ist, der Schein, eine abstrakte Einheit in Dinge zu übersetzen, die sinnlich (unmittelbar) wahrnehmbar sind.

Dabei ist Kunst an sich schon eine Reflexion dieses „Betrugs“ – sie ist selbst nichts Abstraktes, sondern Kunstwerke sind Dinge und Artefakte, etwas von Menschen Gemachtes. Sie sind Ausdruck von etwas Künstlichem, und setzen Abstraktes (Fiktionen, Begriffe, Zahlen) mit Erscheinungen aus der Natur in Verbindung. Flavin und auch Newman spielen damit auf eine ironische und intelligente Weise.

Ich war jedenfalls begeistert von Flavins Röhrenkunst, weil sie mich zum Zählen veranlasst hat, ohne dass ich es steuern konnte und gleichzeitig Kunstgenuss ermöglichte. Kunst aus Röhren oder Kunst aus Zahlen oder nur ein Licht in einem Raum, das aus verschiedenen Körpern leuchtet?

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