The dream before (for Walter Benjamin) von Laurie Anderson

Hansel and Gretel are alive and well

And they’re living in Berlin

She is a cocktail waitress

He had a part in a Fassbinder film

And they sit around at night now

Drinking Schnapps and Gin

And she says: Hansel, you’re really bringing me down

And he says: Gretel, you can really be a bitch

He says: I’ve wasted my life on our stupid legend

When my one and only love Was the wicked witch.

She said: What is history?

And he said: History is an angel

Being blown backwards into the future

He said: History is a pile of debris

And the angel wants to go back and fix things

To repair the things that have been brocken

But there is a storm blowing from paradise

And the storm keeps blowing the angel

Backwards into the future.

And this storm, this storm Is called

Progress

Laurie Anderson hat The dream before, mit dem ich als Einleitung begonnnen habe, Walter Benjamin gewidmet. Sie nimmt in diesem Lied Bezug auf die Aussage von Benjamin, die er über den Engel der Geschichte von Paul Klee geschrieben hat.

“Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Der Engel der Geschichte von Paul Klee ist 1920 unter dem Titel Angelus novus entstanden. Durch Walter Benjamin, der der Besitzer dieses Bilder war, erhielt der Engel den Namen Engel der Geschichte und wurde in seiner Theorie Über den Begriff der Geschichte zum Symbol für das Erschrecken darüber, das man unfähig ist, das Vergangene zu retten, aber einen auch die Zukunft verwehrt bleibt, ohne die Kenntnis der Vergangenheit. In seiner Theorie der materialistischen Geschichtsschreibung setzt Benjamin die bürgerliche Geschichtsauffassung, die die tote Vergangenheit betrachtet, der sozialdemokratischen Geschichtsauffassung, die in die Zukunft denkt, in konträren Gegensatz zu einander. Jedoch beide Ansichten sind nach Walter Benjamin, deutscher Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Literaturkritiker und unter anderem Übersetzer Balzacs, falsch.

Paul Klee hat viele Engel gezeichnet. Besonders in den letzten Jahren vor seinem Tod 1940, im Jahr, in dem auch Benjamin verstarb, zeichnete er viele. Der Engel der Geschichte, Ölpause und Aquarell auf Papier, wird als ein durchscheinendes Wesen mit geöffnetem Mund und bohrenden, fordernden Augen beschrieben. Seine Flügel sind weit ausgebreitet und der Blick leicht nach rechts unten gerichtet, als wollte er hinter sich schauen. Seine Füsse sehen ein bisschen aus wie Vogelfüsse, und er hat ein katzenhaftes Gesicht. Viele Details erinnern an verschiede Tiere, als hätte Klee versucht jedes Lebewesen in einem Engel festzuhalten. Man sieht auf dem Bild nichts weiter als den Engel, der flüchtig, fast zkizzenhaft und trotzdem präzise gezeichnet ist. Das gibt ihm das Unnahbare, das Durchscheinende, eben das Engelhafte.

Mit wenigen Strichen, einigen Linien zeichnet Klee seinen Engel. Er wirkt sehr leicht, fast menschlich, trotz seiner tierischen Details, etwas unfertig, eben skizzenhaft, kindlich, als müsste er noch „fertig“ werden, älter, erwachsen werden. Die Linien wirken so, als möchten sie den Moment, das Jetzt in seiner Unfassbarkeit festhalten, und gleichzeitig thematisiert Klee mit seinem Angelus novus auch die Vergangenheit und die Zukunft, die Zeit in einem Bild.

Der Betrachter befindet sich vor dem Bild in der Vergangenheit, schaut auf den Engel, hinter dem sich die Zukunft befindet und rückwärts in die Zukunft getrieben wird. Der Betrachter würde somit mehr sehen können, als der Engel selbst. Aber in dieser Skizzenhaftigkeit bleibt der Hintergrund, also die Zukunft auch uns Betrachtern in seiner Leere verborgen.

Da es mir fast unmöglich scheint, über ein Bild zu sprechen, das ich noch nie im Original gesehen habe, möchte ich nicht nur auf diesen einen Engel von Klee eingehen, sondern mehr die Art betrachten, wie Klee die Engel gezeichnet hat. Der Engel der Geschichte ist heute im Besitz des Israel Museums in Jerusalem. Er war einmal für fünf Tage in Bern, im Zentrum Paul Klee zu sehen. Das Museum war während diesem Zeitraum Tag und Nacht geöffnet, was viel über die Bedeutung dieses Bildes auszusagen vermag.

Allgemein sehe ich in den Engel-Zeichnungen, in den skizzenhaften und trotzdem präzisen Strichen Klees die Zeit. Es scheint, als würden die Engel die Zeit durchschreiten, als wären sie mitten in einer Wandlung, in einer Verwandlung.

Sie wirken flüchtig, als wären sie vergänglich, weil sie nicht ausgearbeitet sind. Sie entstehen im Moment, der immer gleich wieder zur Vergangenheit wird und durch das Skizzenhafte auf etwas Kommendes verweisen, auf das eigentliche Werk, also das Zukünftige. Das eigentliche Werk bleibt aber auf immer verborgen oder dem Betrachter vorenthalten, weil nur der skizzenhafte Engel bleibt. Der Betrachter wird also aufgefordert, selber zu denken, wie es weitergeht, die Zukunft, das Werk selber zu vollenden.

Oft blicken die Engel Klees nach hinten oder nach unten. Der Schellen-Engel zum Beispiel scheint nach vorne, in die Zukunft schreiten zu wollen, schaut aber nach hinten, in die Vergangenheit, zu der Schelle an seinem Kleid. Er scheint zwar glücklich zu sein, aber noch nicht ganz loslassen zu wollen. Es ist eine Momentaufnahme des Voranschreitens der Zeit. Man kann das Jetzt nur wahrnehmen, indem man sich des Vergangenen und des Kommenden bewusst ist.

Die Engelzeichnungen werden oft wegen Klees Krankheit Sklerodormie als tragische Zeugnisse gelesen. Ich sehe in diesen Zeichnungen aber auch etwas Lustiges. Eine geglückte Form, schon fast eine humorvolle Art mit der Krankheit, mit dem Tod und somit mit der Zeit umzugehen.

Wenn man zum Schluss nun noch einmal das Lied von Laurie Anderson hört, spürt man in ihrer Melodie die gleiche Skizzenhaftigkeit, dieselbe Flüchtigkeit und Leichtigkeit, die im Engel der Geschichte vorhanden ist. Man nimmt die Pausen zwischen den verspielt gesungenen Sätzen wahr, als wären es die zaghaft präzisen Linien, mit denen Klee den Angelus novus erschaffen hat.

Angelus Novus, Paul Klee

Schellen-Engel, Paul Klee