Posts zu Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Nils Röller (Mediale Künste, DKM, ZHDK)
Archive for April, 2010
Angelus novus, der Engel der Geschichte – oder der Moment in seiner Unfassbarkeit festgehalten
The dream before (for Walter Benjamin) von Laurie Anderson
Hansel and Gretel are alive and well
And they’re living in Berlin
She is a cocktail waitress
He had a part in a Fassbinder film
And they sit around at night now
Drinking Schnapps and Gin
And she says: Hansel, you’re really bringing me down
And he says: Gretel, you can really be a bitch
He says: I’ve wasted my life on our stupid legend
When my one and only love Was the wicked witch.
She said: What is history?
And he said: History is an angel
Being blown backwards into the future
He said: History is a pile of debris
And the angel wants to go back and fix things
To repair the things that have been brocken
But there is a storm blowing from paradise
And the storm keeps blowing the angel
Backwards into the future.
And this storm, this storm Is called
Progress
Laurie Anderson hat The dream before, mit dem ich als Einleitung begonnnen habe, Walter Benjamin gewidmet. Sie nimmt in diesem Lied Bezug auf die Aussage von Benjamin, die er über den Engel der Geschichte von Paul Klee geschrieben hat.
“Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“
Der Engel der Geschichte von Paul Klee ist 1920 unter dem Titel Angelus novus entstanden. Durch Walter Benjamin, der der Besitzer dieses Bilder war, erhielt der Engel den Namen Engel der Geschichte und wurde in seiner Theorie Über den Begriff der Geschichte zum Symbol für das Erschrecken darüber, das man unfähig ist, das Vergangene zu retten, aber einen auch die Zukunft verwehrt bleibt, ohne die Kenntnis der Vergangenheit. In seiner Theorie der materialistischen Geschichtsschreibung setzt Benjamin die bürgerliche Geschichtsauffassung, die die tote Vergangenheit betrachtet, der sozialdemokratischen Geschichtsauffassung, die in die Zukunft denkt, in konträren Gegensatz zu einander. Jedoch beide Ansichten sind nach Walter Benjamin, deutscher Philosoph, Gesellschaftstheoretiker, Literaturkritiker und unter anderem Übersetzer Balzacs, falsch.
Paul Klee hat viele Engel gezeichnet. Besonders in den letzten Jahren vor seinem Tod 1940, im Jahr, in dem auch Benjamin verstarb, zeichnete er viele. Der Engel der Geschichte, Ölpause und Aquarell auf Papier, wird als ein durchscheinendes Wesen mit geöffnetem Mund und bohrenden, fordernden Augen beschrieben. Seine Flügel sind weit ausgebreitet und der Blick leicht nach rechts unten gerichtet, als wollte er hinter sich schauen. Seine Füsse sehen ein bisschen aus wie Vogelfüsse, und er hat ein katzenhaftes Gesicht. Viele Details erinnern an verschiede Tiere, als hätte Klee versucht jedes Lebewesen in einem Engel festzuhalten. Man sieht auf dem Bild nichts weiter als den Engel, der flüchtig, fast zkizzenhaft und trotzdem präzise gezeichnet ist. Das gibt ihm das Unnahbare, das Durchscheinende, eben das Engelhafte.
Mit wenigen Strichen, einigen Linien zeichnet Klee seinen Engel. Er wirkt sehr leicht, fast menschlich, trotz seiner tierischen Details, etwas unfertig, eben skizzenhaft, kindlich, als müsste er noch „fertig“ werden, älter, erwachsen werden. Die Linien wirken so, als möchten sie den Moment, das Jetzt in seiner Unfassbarkeit festhalten, und gleichzeitig thematisiert Klee mit seinem Angelus novus auch die Vergangenheit und die Zukunft, die Zeit in einem Bild.
Der Betrachter befindet sich vor dem Bild in der Vergangenheit, schaut auf den Engel, hinter dem sich die Zukunft befindet und rückwärts in die Zukunft getrieben wird. Der Betrachter würde somit mehr sehen können, als der Engel selbst. Aber in dieser Skizzenhaftigkeit bleibt der Hintergrund, also die Zukunft auch uns Betrachtern in seiner Leere verborgen.
Da es mir fast unmöglich scheint, über ein Bild zu sprechen, das ich noch nie im Original gesehen habe, möchte ich nicht nur auf diesen einen Engel von Klee eingehen, sondern mehr die Art betrachten, wie Klee die Engel gezeichnet hat. Der Engel der Geschichte ist heute im Besitz des Israel Museums in Jerusalem. Er war einmal für fünf Tage in Bern, im Zentrum Paul Klee zu sehen. Das Museum war während diesem Zeitraum Tag und Nacht geöffnet, was viel über die Bedeutung dieses Bildes auszusagen vermag.
Allgemein sehe ich in den Engel-Zeichnungen, in den skizzenhaften und trotzdem präzisen Strichen Klees die Zeit. Es scheint, als würden die Engel die Zeit durchschreiten, als wären sie mitten in einer Wandlung, in einer Verwandlung.
Sie wirken flüchtig, als wären sie vergänglich, weil sie nicht ausgearbeitet sind. Sie entstehen im Moment, der immer gleich wieder zur Vergangenheit wird und durch das Skizzenhafte auf etwas Kommendes verweisen, auf das eigentliche Werk, also das Zukünftige. Das eigentliche Werk bleibt aber auf immer verborgen oder dem Betrachter vorenthalten, weil nur der skizzenhafte Engel bleibt. Der Betrachter wird also aufgefordert, selber zu denken, wie es weitergeht, die Zukunft, das Werk selber zu vollenden.
Oft blicken die Engel Klees nach hinten oder nach unten. Der Schellen-Engel zum Beispiel scheint nach vorne, in die Zukunft schreiten zu wollen, schaut aber nach hinten, in die Vergangenheit, zu der Schelle an seinem Kleid. Er scheint zwar glücklich zu sein, aber noch nicht ganz loslassen zu wollen. Es ist eine Momentaufnahme des Voranschreitens der Zeit. Man kann das Jetzt nur wahrnehmen, indem man sich des Vergangenen und des Kommenden bewusst ist.
Die Engelzeichnungen werden oft wegen Klees Krankheit Sklerodormie als tragische Zeugnisse gelesen. Ich sehe in diesen Zeichnungen aber auch etwas Lustiges. Eine geglückte Form, schon fast eine humorvolle Art mit der Krankheit, mit dem Tod und somit mit der Zeit umzugehen.
Wenn man zum Schluss nun noch einmal das Lied von Laurie Anderson hört, spürt man in ihrer Melodie die gleiche Skizzenhaftigkeit, dieselbe Flüchtigkeit und Leichtigkeit, die im Engel der Geschichte vorhanden ist. Man nimmt die Pausen zwischen den verspielt gesungenen Sätzen wahr, als wären es die zaghaft präzisen Linien, mit denen Klee den Angelus novus erschaffen hat.


Der Autor als Netzwerker: Fotografie

Edgar Allan Poe (1809-1849), Daguerrotypie von Marcus Aurelius Root, 1848. Quelle (Getty Images): Klick hier.
David Fagan
Time is not a static object, nor is it viewable or recordable in its entirety. We cannot trust recorded media as truth, because truth would encompass all things at once, the universe in its entirety, recorded and understood from many opposing standpoints.
What is recorded of time is complicated by the fact that the one who records mediates the subject, and the one who replays mediates what is replayed.
What we do have; is individual experience of time, where memories slip and resurface in the present. Our ideas are generated internally. When one tries to explain ideas in the world outside of ones self they, by default, fail to communicate verbatim, given that language is itself a translation of thought to words. Yet ideas can find salvation, in new interpretation of those who view that which we can create.
The manifestation of a utopia in the built environment then, it would seem, is impossible. For we would each experience a utopian built environment differently.
“Impermanence is in some mysterious way of course the key to the actualization of any utopia.” (Mark von Schlegell, 2006)
The individual can experience a temporal moment that feels utopian. This is a lived moment where inner thoughts and outer environment meet seamlessly.
Utopia is not a fixed ideal; perhaps we have experienced what it is to live in a utopian environment for just a fleeting moment of our lives. The mind, it would seem is in a continual state of flux, tentative moments of stability form time to time, and perhaps in one of these moments, one views the world around us as utopian.
“Life rustled through the centuries like one spring-time, an ever-variegated festival of heaven-children and earth-dwellers.” (Novolis, 1897)
I like this description of life as a singular continuum regardless of which humans possess it. Although, if our individual knowledge of life is our consciousness of time; this communality of life would seem to run contrary to my previous assumptions of the individuals experience of memory.
Tino Sehgal’s work ‘This Progress’ at the Gugenheim, involves the viewer being asked by a child museum guide, “What is progress?” Thus forcing a verbal answer to what is an emotional idea. The young museum guide relays, to the next, slightly older guide, the viewer’s opinion of progress and in doing so, reveals the fallibility of language and time constraints in expressing ones thoughts.
The viewer; having given an off the cuff answer to a question which requires more time to answer than is allocated; is tied to this answer, which may not represent their opinion.
The more one chases a definition to of time, memory or truth, the more those terms reveal their definitions to be stunningly elusive.
This Progress, Tino Seghal, 2010
References:
Books
Novolis, 1897, Hymns to the Night in Rampolli: Growths from a Long-Planted Root: Being Translations, London Longman’s
Online Articles
Schlegell, Mark von, (2006) Classe Permanente: Corporating the principle of division [Catalogue of an exhibition held at Galeria Graça Brandão Lisboa, 14 January - 28 February 2006]
Available online at: http://www.galeriagracabrandao.com/index.php?menu=exp&exposicao_id=49&texto_id=10&lang=en
