Posts zu Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Nils Röller (Mediale Künste, DKM, ZHDK)
Archive for May, 2008
Wissenschaftsgeschichte für Künstlerinnen: Roman Schürch und Stefanie Rubner, Über die Kunst, das Unbekannte zu erforschen
Hans-Jörg Rheinberger: Über die Kunst, das Unbekannte zu erforschen. Berlin, 2006
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Über den Autor
Hans-Jörg Rheinberger ist 1946 in Grabs (CH) geboren. Er ist Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin. Innerhalb der Wissenschaftsgeschichte sind seine Arbeitsschwerpunkte die Geschichte und Epistemologie des Experiments, die Geschichte der Molekularbiologie und die Proteinbiosynthese.
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VL:2.5. Sich entwerfen: Wüsten denken und schreiben

Still aus: Star Wars: Episode V – The Empire Strikes Back. USA 1980. George Lucas (Dir.).
Barnett Newman (Onement V ; Onement VI, 1953;Onement I, 1948)
Unerwartete Kausalitäten

Tomas Schmit- Das kann die Flunder (2004)
In der Vorlesung “Zwischen wildem Westen und mystischem Osten” gelang es bis jetzt einigen Künstlern, Dichtern und Philosophen unerwartete Wendungen in ihrem Leben zu meistern und gleichzeitig anderen die Möglichkeit zu geben, in Krisensituationen nicht aufzugeben. Ein Modell, in dem das ganz individuelle Denken und Vorstellungsvermögen eines Einzelnen einen Anknüpfungspunkt geben kann für mehrere – bishin vielleicht für eine Gesellschaft, die sich aufgrund unerwarteter Ereignisse neu orientieren muss.
Die Mittel dafür waren im Falle Vilém Flussers eine unbändige Aktivität in einem neuen Land und ein leidenschaftliches Interesse für nahezu alle Wissensgebiete. Parallel zur Umstrukturierung Brasiliens, in das er 1940 gekommen war und wo er bis 1970 lebte, setzte er sich mit seiner eigenen Identität auseinander. Er bewegte sich in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Umfeldern, verkehrte mit Künstlern wie mit Politikern und dachte und publizierterte in vier verschiedenen Sprachen.
Ezra Pound begann sich ebenfalls mit anderen Sprachen und ihren Kulturen zu beschäftigen. Er liess die Erkenntnisse, die er daraus gezogen hatte, in seine Gedichte einfliessen. Besonders das chinesische Denken beeinflusste auch seine Schreibweise. Chinesische Schriftzeichen haben Bildcharakter. Sie können eine auf ein Zeichen reduzierte Geschichte erzählen. Mit ihnen verbunden ist ein gänzlich anderes Ausdruckspotential als das der lateinischen Buchstabenschrift. Ausserdem verfügt die chinesische Denkkultur nicht über das westliche Kausalitätsdenken von Ursache und Wirkung. Damit existiert darin auch die Trennung von Subjekt und Objekt, vom Individuum, das einer Aussenwelt gegenübersteht, nicht mehr. Alles gehört zusammen, ist miteinander verbunden.
Der italienische Dichter Cavalcanti (ca. 1255-1300), mit dessen Cantos Pound sich ebenfalls auseinandergesetzt hatte, hatte schon im 13. Jahrhundert über sein Medium, die Feder, nachgedacht und sie in seinen Gedichten reflektiert.
Ebenfalls durch eine Beschäftigung mit seinem Medium ging der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan, der gerade in seinem Buch “The Gutenberg Galaxy” (1962) versucht, die Grenzen des Buchdrucks zu ergründen und auszuweiten. Bei beiden führt die intensive Beschäftigung mit dem Medium, das sie benutzen, um ihre Gedanken zu vermitteln, zu neuen Formen und ist ein Beispiel für einen produktiven Umgang mit Medien.
Sowohl bei McLuhan als auch bei Pound findet eine Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Raum und Zeit statt, die sich im östlichen und westlichen Denken stark unterscheidet. Beide eröffnen Wege, die westlichen Konzepte, in denen sie sich selbst bewegen, flexibler zu machen. Bei McLuhan durch eine individuellere sinnlichere Raumerfahrung, die sich gegen Linearität und die Erwartung eines z.B. durch Text vermittelten Wahrheitswertes stellt; und bei Pound durch die Gegenüberstellung des westlichen Kausalitätsprinzips mit dem ganzheitlichen östlichen Denken, in dem eine Trennung von innen und aussen nie stattgefunden hat.
Im Streit zwischen Heidegger und Cassirer in Davos 1929 ist Cassirers Position die, dass man mittels Symbolen die Welt ordnen könne. Symbole, die menschengemacht und abstrakt sind, helfen demnach – wie auch die Medien des Schreibens bei Cavalcanti, Pound, Flusser oder McLuhan – einen Zugang zur Welt herzustellen und diesen auch noch reflektieren zu können. Erst die Reflexion ermöglicht es, diesen Zugang zu analysieren und diesen sowie die dazugehörigen Symbole und Medien auch zu verändern, wenn es nötig ist.
Ein eigener Zugang zur Welt, zu Raum und Zeit, zur Sprache und zu den Gefühlen kann also für viele Anlass geben, darüber nachzudenken, wie ihr Zugang zur Welt ist und wie sie ihn für sich und andere so verändern können, dass sie mit den unerwarteten Kausalitäten – wenn man dann noch von Kausalitäten sprechen möchte – umgehen können. Die Wendung “unerwartete Kausalitäten” sei hier nur als ein Begriff gedacht, der vielleicht besser als das Wort Krise dazu anregt, einen gegenwärtigen Zustand zu ergründen. Einen Zustand, mit dem man noch keine Erfahrung hat und der es erfordert, sich neu zu orientieren und neue Strategien zu entwickeln, mit seinen Auswirkungen umzugehen.
Die in der Vorlesung behandelten Künstler und Denker zeigen, dass hierzu eine Verbindung von spielerischen und kombinatorischen Mitteln, sowie der Vorstellungskraft eines Einzelnen mit wissenschaftlichen Erkenntnisformen wie Experiment und Analyse möglich ist. Das ist meiner Ansicht nach ein lohnenswerter Versuch, mit dem Klimawandel anders umzugehen als mit andauernder Polemik, wie sie sich in Zeitungen und Internetblogs zumeist äussert.
Der Ohnmacht gegenüber einer langsam immer präsenter gewordenen Situation (denn sie ist längst nicht mehr neu und völlig unerwartet) mit einer Bestärkung der eigenen Handlungsfähigkeit entgegenzugehen – vor allem in Verbindung mit der Lust am (Aus-)Denken – ist ein Ansatz, der ein Vorgehen in kleinen Schritten nicht gleich entmutigt, aber genauso auch grosse Ideen zulässt.
Andere Künstler, Schriftsteller und Philosophen, die ebenso individuelle Lösungen suchen, an denen viele andere anknüpfen können, wären zum Beispiel:
Tomas Schmit (Bildender Künstler, 1943-2006)
Der Link zu Kathrin Passig führt zu ihrer Kurzgeschichte “Sie befinden sich hier” von 2007, in der sie zumeist ironisch die Orientierungsprobleme einer eigentlich in Berlin lebenden Kulturschaffenden beschreibt, die sich im Winterurlaub im Schnee verlaufen hat. Im Vergleich der Orientierung in von Menschen erbauten und organisierten Städten und dem unbekannten Gebiet, in dem die Protagonistin sich ohne Landkarte plötzlich dem Leben der Steinzeit sehr nahe fühlt, kommt sie zu vielen neuen und witzigen Handlungsentwürfen, mit denen sie sich der schwierigen Lage zu stellen versucht.
Der Titel “Unerwartete Kausalitäten” ist ein Zitat eines anderen Riesenmaschine-Autors, Kai Schreiber, aus einem Artikel über merkwürdige Verordnungen zum Klimaschutz. Url: http://riesenmaschine.de/index.html?nr=20060615095021
von Marina Sawall
15 Min. Notizen von Hannah
10:03 Ich starte mit der von mir gewählten Unzeit von 10 Uhr und 3 Minuten
Zur Zukunft der Werkstatt
Valentina C.
09:00
Der Autor als Netzwerker: Zukunft der Werkstatt

(Vilém Flusser Genf 1973, aufgenommen von Daniel Vittet)
“Werkstatt der Zukunft”: Silvan und Alex
1. Bestimmung von Autor, Titel, Ort, Jahr und Verlag des Textes
Vilém Flusser: “Zur Zukunft der Werkstatt”. Transkript des Vortrags in der Villa Stuck, München. In leicht geänderter Form in: werk und zeit, Frankfurt/ M., 39. Jahrgang, 2. Quartal 1991, S. 11-13.
Aufgenommen in “absolute Viém Flusser”, Hr. Nils Röller und Silvia Wagenmeier. Freiburg: orange-press 2003
2. Selbstbefragung: Was gefällt, was missfällt?
Dass der Text den Zusammenhang zwischen der Situation der Werkstatt heute mit der mitteralterlichen vergleicht und so einen neuen Sichtwinkel auf das heutige Schaffen ermöglicht.
Flusser beruft sich und vergleicht seine Thesen mit den Ansichten bedeutender Philosophen.
Schade ist, dass diese Umstände nur angeschnitten und nicht weiter besprochen und erläutert werden. Sie scheinen in sich stimmig, doch scheint eine vertiefte Auseinandersetzung mit ihnen zu fehlen.
3. Interpretation: Mögliche Motivation des Textes, auch Stellung des Textes im Werk des Autors oder seine mögliche Bedeutung für das Seminar
Die Motivation scheint im Aufzeigen einer neuen Sichtweise auf die Entwicklung der Werkstatt zu liegen. Durch das erläutern der Werkbetriebe im Mittelalter bis hin zum industriellen Zeitalter zeigt er Strukturen auf, in die die Werkstatt von heute oder der Zukunft einzuordnen ist. Eine Analyse der Veränderungen vom Bezug von Mensch und Maschine, die nicht im Zeitalter, der industriellen Revolution stehen geblieben ist.
Ist die Werkstatt der Zukunft in ihrer Grundstruktur mit der Werkstatt im Mittelalter verwandt in Bezug auf Autorität?
Wer nicht mehr arbeiten?
4. Analyse der Argumentationslinien des Autors: Welche Fakten trägt er vor, welche Metaphern verwendet er, welche Techniken und Medien spricht er an? Warum argumentiert der Autor so? Was lässt er aus?
Flusser beruft und vergleicht seine Thesen mit den Ansichten bedeutender Philosophen. Er argumentiert mit Vergleichen (zB. das Wiederbeleben der Werkzeuge, durch das Einsetzen von organischem (Tiere)). Er spricht keine Medien im speziellen an, sondern bezieht sich auf die Entwicklung der Werkstattstruktur im allgemeinen. Apparate übernehmen ökonomische und politische Aufgaben, was Flusser zu dem Schluss führt, dass der Mensch sich nur noch der Theorie widmet und schliesslich nicht mehr arbeiten muss, um sich der Musse widmen zu können.
5. Kontextualisierung: Bestimmung des für den Text zentralen Gegenstands in Raum und Zeit
Das Verhältniss Mensch-Maschine. Die Weiterentwicklung nach einem industriellen Zeitalter.
Die Struktur der Zukunft der Werkstatt wird der einer mittelalterlichen ähneln. In der Werkstatt von morgen, ist der Mensch nur noch Theoretiker, die Arbeit wird von den Apparaten und
Maschinen übernommen. Der Mensch kann nur in dem Mass theorisier, in dem es ihm die Apparate erlaubt. “Der Apparat tut, was der Mensch will, aber der Mensch kann nur wollen, was der Apparat tun kann.”
6. Kontextualisierung: Bestimmung des Autors in Raum und Zeit
Starke technische Entwicklung. Medien Maschinen usw, die auf den Menschen einwirken und deren Auswirkungen auf Leben .. schwer zu erfassen sind.
Zentrale Sätze:
s. 206
“Ich werde mich wenig daran halten.”
“Die Werkstatt der Zukunft wird der mittelalterlichen Werkstatt mehr ähneln als der modernen Fabrik.”
“…die Nachgeschichte der Welt, wird durch ein formales – gegenüber einem progressiven – Denken charakterisiert werden.”
s. 207
“Die Werkstatt ist nicht nur ein Modell für die Gesellschaft, sondern auch der Schule.”
“…, dass die Welt der Erscheinung eine Farce ist, die erst dank Formen, dank Informationen, dank Erhalten einer Information, wahrgenommen wird.”
s. 209
“Also ist Theorie ein manipulieren von Ideen, ein Behandeln von Formen.”
s. 210
“Wir gehen wieder belebten Werkzeugen, gentechnisch erzeugten Maschinen entgegen.”
“Der Apparat tut, was der Mensch will, aber der Mensch kann nur wollen, was der Apparat tun kann.”
s. 211
“Die eine Phase, nennen wir soft, ist die Phase, in der Formen ausgearbeitet werden und zwar von Menschen und Apparaten, also von Menschen und einer sogenannten künstlichen Intelligenz, was voraussetzt, dass der Mensch eine natürliche Intelligenz hat.”
s. 212
“Also musste man sie in glorifizierendes Gettho einsperren, ihnen einreden, dass sie genial sind und sie mit Nüssen füttern, damit sie aus dem Zoo der Museen, Galerin und Akademien nicht ausbrechen.”
s.213
“Infolge dessen wird Werkstatt Laboratorium und Schule hoffentlich synonym sein und die Werkstatt wird ein Ort werden an dem man Musse lernt.”
“Kunst und Klima – der Aue Pavillon” – Eine kritische Betrachtung
“Kunst und Klima – der Aue Pavillon” – Eine kritische Betrachtung
StadtteilZeit-Herausgeber Klaus Schaake sprach mit Prof. Dr. Lutz Katzschner, Fachgebietsleiter der Umweltmeteorologie am Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung.
STZ: Herr Katzschner, Sie haben im Rahmen der documenta-Woche am Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung der Universität Kassel eine Veranstaltung mit dem Titel “Kunst und Klima – der Aue Pavillon”.
Was war Ihr Motiv für dieses Angebot?
LK: Mich interessiert wie sich die verschiedenen Ansätze, hier ein funktionaler Bau für die Kunstausstellung und dort das physikalische Ergebnis miteinander vertragen. Ich untersuche in meinen Forschungen das thermische Wohlbehagen der Menschen und wollte wissen ob das Interesse an der Kunst bei den Pavillionbesuchern dies überdeckt.
STZ: Inwieweit trägt ein Ausstellungsraum wie dieser zum Klimawandel bei?
LK: Ein Gewächshaus wird gebaut, um eine künstliches Klima zu erzeugen, welches mitr Sonnenenergie einfängt und speichert. Da das nicht kompatibel zu den Kunstwerken und den Dokumentabesuchern ist, muss mit hohem Energieaufwand die Funktion des Gewächshauses durch Einsatz von Energie wieder ausgeglichen werden. Also von Verantwortung zum Klimawandel keine Spur.
STZ:Wie bewerten Sie den Pavillon aus klimatologischer Sicht?
LK:Aus klimatisch, thermischer Sicht ist es in moderaten Klimaten von Vorteil wärmere Bereiche in den Übergangsjahreszeiten zu schaffen, allerdings stellt sich dann in einem Gewächshaus im Sommer ein Tropenklima ein, das keiner aushält.
STZ: Möglicherweise kann und sollte man ein solches Bauwerk nicht ausschließlich nach Klima relevanten Gesichtspunkten betrachten.
Was hätte man im Sinne des derzeit auf allen politischen Agenden debattierten Klimawandels im Sinne der documenta-Leitfrage “Was tun?” unternehmen können, um diese temporäre Hülle nicht zum Energiefresser und damit CO2-Emittenten par exellence zu machen?
LK: Ich glaube, dass sich die Macher im Vorfeld mehr mit der Physik hätten beschäftigen sollen, da nur so das Ziel Klima und Kunst zu vereinen gelingen kann. Z.B.: Wie kann ich die Gewächshthermik für natürliche Ventilation nutzen.
STZ: Muss Kunst sich aus Ihrer Perspektive nicht auch hier ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen, zumal die Ausstellungsmacher für sich in Anspruch nehmen eine politische Ausstellung zu machen?
LK: Meine subjektive Erfahrung ist das sich die Kunst zunächst nur mit sich selber beschäftigt, erst dann kommt die gesellschaftliche Verantwortung zum Tragen. Da müssten auch die Künstler und in diesem Fall die Organisatoren noch vorrausschauender agieren.
STZ: Herr Katzschner, vielen Dank für Ihre Ausführungen.
Prof. Dr. Lutz Katzschner ist Fachgebietsleiter der Umweltmeteorologie am Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. Schwerpunkt der Forschungstätigkeiten ist die Stadtklimatologie und Klimakartierung. Er ist Vorsitzender einer entsprechenden Richtlinienkommission zur planungsrelevanten Stadtklimatologie des Vereins Deutscher Ingenierue (VDI).
http://www.kassel-zeitung.de/cms1/index.php?/archives/3875-Kunst-und-Klima-der-Aue-Pavillon-Eine-kritische-Betrachtung.html
