…Nur noch Historiker und andere Spezialisten werden in Zukunft Schreiben und Lesen lernen müssen…
(S.7/Flusser - Die Schrift)
Für mich fast undenkbar. Ich kann mir ein Leben ohne Schrift nicht vorstellen (und meine Imaginationskraft ist bisweilen recht gross). Davon auszugehend, dass ich meine Gedanken anderswie ablegen könnte oder digitalisieren - ich würde es nicht tun. Den “beschwerlichen” Weg der Niederschrift wäre meine 1. Wahl. Aki Ross, die digitale Filmheldin und im CGI-Movie ‘Final Fantasy - The Spirits Within’ eigensinnige Wissenschaftlerin hat eine Apparatur um ihre wirren Visionen/Träume mittels holografischem Display und darin innewohnender ‘Zauberkraft’ festzuhalten. Nicht, dass ich dieses Medium nicht nutzen würde, aber das ‘Scribere’ würde bestimmt Bestandteil meines Lebens bleiben.

Auch die neue Art von Lesen auf einem E-Reader bekommt mir nicht. Wieso tue ich mir das an? Ich könnte mehrere Bücher auf dieses Notizbuch aus Elektronik laden. Müsste nicht mehr ein Bücherregal besitzen, weil alle Bücher auf einem kleinen Wunder der Technik Platz hätten. Kleiner, leichter, kein Verlieren des Buchzeichens, keine ‘Eselsohren’ mehr…Der Drang, materielle Dinge wie ein Buch zu besitzen besteht auch nicht, und trotzdem soll es ein Buch sein. Damit ich Zeilen ankreuzen kann, Absätze markieren, eigene Notizen in die Papierseiten ‘ritzen’ kann.
System der Tokens/Symbolsteine
(S.15/Haarmann - Geschichte der Schrift)
Im 8. bis 4. Jahrtausend vor Christus waren diese Tokens wichtig für den Handel im Vorderen Orient. Sie waren Tauschgegenstand: Ware gegen Token.

Etwa um das 6. Jahrtausend vor Christus bildet sich die ‘Donauzivilisation’, die älteste uns bekannte und - sie besass das Kulturgut Schrift. Der Schriftgebrauch scheint stark gebunden zu sein an religiösen Habitus. Demnach muss wohl die Religion, der Glauben der Menschen die Entwicklung der Schrift stark beeinflusst haben. War zuerst Gott oder war zuerst das Wort? Wenn Gott allmächtig, allwissend und allgütig ist/war, so wusste Es Bescheid über das Wort.
Auch wenn ich kein Schriftsteller bin beliebt es mir Dinge niederzuschreiben. Ich glaube, dass ich als Kind bereits Faszination an Buchstaben fand. Ihre Ästhetik und die ausgefuchste Logik. Irgendwie Technik, irgendwie Kunst, irgendwie Leben. Schöne Dinge meiner Gedankenwelt konnte ich ablegen mit Schrift, emotionale Aufruhr der Liebe bändigen und im Fundus von Adjektiven wuseln, eine eigene Form der Satzstellung kreieren, Reime setzen. In den Buchstaben versinken, traurig sein, glücklich sein, beides zur selben Zeit. Das Bleistift, der Füllhalter oder ein Filzstift waren und sind Verbündete, welche darauf warten einen Teil des Aktes vom Leben zu formen. Form geben.
…So, als Seine Inschriften, hat Er [Gott] uns in die Welt geschickt, uns aus dem Paradies in die Welt vertrieben, uns gebrannt und gehärtet - damit wir die Welt (und uns selbst) beschreiben, erklären, begreifen und beherrschen mögen…zu diesem Zweck sind wir geschrieben worden…das ist unser Schicksal…
(S.18/Flusser - Die Schrift)
Inschriften sind monumental (monere=bedenken), Aufschriften sind dokumentarisch (docere=unterrichten)
(S.21/Flusser - Die Schrift)
Das von Flusser bedachte ‘Monumentale’ der Schrift von einst herrschenden Zeiten wird immer mehr verdrängt. Nicht die Eigeninitiative, sondern der Konsum von Inhalt auf Basis der Schrift empfinde ich als prägendes Merkmal unserer jetzigen Zeit.
Ältestes Druckwerk der Kulturgeschichte: Der Diskos von Phaistos/Südkreta
Mit einzelnen Stempeln in den weichen Ton gepresst. Hieroglyphenschrift: hierós=heilig; glýphein=eingravieren
Ich glaube, dass die Menschen früher, trotz hoher Anzahl Analphabeten, mehr geschrieben haben. Schrift hat etwas Unbequemes an sich. Und in unserer entglittenen, beschleunigten Zeit sind die unbequemen Eigenschaften eine Angelegenheit, um welche sich Maschinen kümmern sollen. Manchmal denke ich, dass die Schrift ein sozialer Kitt ist; Menschen über Kulturen hinweg, Epochen überdauernd Zusammenhalt, Verbindlichkeit und Trost gab.
Weil Buchstaben Zeichen für gesprochene Laute sind, ist ein alphabetischer Text eine Partitur einer akustischen Aussage: Er macht Laute ersichtlich.
(S.27/Flusser - Die Schrift)
Die Entwicklung einer Schrift bedarf meiner Fantasie nach unglaubliches Potential. Das Kreieren von Wörtern, die Definiton der Grammatik, wie werden Wörter betont, wie Sätze in den Einklang gebracht um Sinngehalt getreu der inneren Stimme darzustellen. Wieviel Aufwand hält die Schrift inne? Manchmal verweile ich und lasse Gedanken durch mich fliessen, wie herrlich es ist, dass ich schreiben kann und schreiben darf. Dieses Konzert der Wörter im Kopf. Aufgrund dieser Alltäglichkeit geht dieser Gedanke so oft verloren, obwohl wir von Generation zu Generation eine wundervolle Gabe weiterreichen dürfen.

Um 2700 v. Chr. beginnt die Revolutionierung der altsumerischen, piktographischen Schrift. Es ist der Anfang der Keilschrift, welche einfacher zu schreiben ist. Da man immer längere Texte schrieb ist für mich diese Entwicklung schlüssig. Ich würde nicht ständig kleine Bilder zeichnen wollen, wenn ich stattdessen Keilkombis setzen könnte.
Zahlen hingegen sind Zeichen für Ideen, für mit dem ‘inneren Auge’ ersehene Bilder.
(S.27/Flusser - Die Schrift)
Demzufolge sind die Zahlen, welche ja ebenso Teil der Schrift sind unser Repertoire der Künste. Farben sind Zahlen, Bilder sind Zahlen, Skulpturen sind Zahlen, mediale Kunst? - sicherlich Zahlen. So verkennen wir die Schönheit einer Gleichung, eine komplexe mathematische Formel, Ästhetik eines Quellcodes eines Programmes.
Flusser notiert die Veränderung unserer Zeit. Dass Maschinen uns den Status Quo abnehmen werden. Sie, welche die zu berechnenden Dinge sowieso besser und schneller erledigen als Menschen. Ich gehöre noch nicht zum ‘alten Eisen’, aber manchmal wünsche ich mir ein wenig mehr Entschleunigung. Das Bedachtsame der Schrift wich der digitalen Kurzlebigkeit. Die Schrift bekommt dem Menschen besser als die neuen Medien, welche oft (zu oft) kritikarm rezipiert werden. Das Schreiben ist wie eine Verbindung mit sich selbst. Die entgleisten Prozesse unserer Zeit reduzieren alles und jeden. Sogar etwas Mächtiges wie Schrift verliert einen beträchtlichen Teil ihres ‘Monumentalen’. Warum lassen wir dies zu? Ist es die Ökonomie des menschlichen Seins, welche diese Vorgänge zu starten begann?

Die Maya-Schrift gehört zu den kalligraphisch höchstentwickelten Schriften. Sie vermischten Logogramme mit Silbenzeichen. Die Komplexität erschwerte deren Entzifferung. Die Entwicklung zur Alphabetschrift konnte man nicht feststellen. Eben diese Entwicklung wurde von den debilen spanischen Konquistadoren unterbrochen. Ich denke mir; auch wenn das Alphabet einem Fortschritt gleicht wird es wohl nicht der Ästhetik einer Maya-Schrift gerecht.
Man hat nämlich schon immer an Menschen geschrieben, als wären die Menschen Apparate.
(S.57/Flusser - Die Schrift)
Die Wirkung der Schrift auf den heutigen Menschen nahm bizarre Formen an. Wir leben in einer Welt des Computercodes. Programmiert wird im System des Alphabets, aber dies wird nicht immer gleich ersichtlich. Wir kodieren uns gegenseitig, machen uns zu exekutierbaren Shell-Scripts. Wir lassen im Hintergrund unsere Programme laufen, während in der Command-Zeile die neue Ausgeburt unseres Schriftsystems langsam zum Leben erwacht. Wir kompilieren unsere Kernel und passen unsere Taktfrequenzen an diejenige der Maschinenwelt an. Ist der Mensch der Maschine nah geworden? Manchmal scheinen gesetzte Grenzen zu verschwinden und sind nicht mehr klar zu erkennen. Wo führt die Schrift, welche jetzt Code der immer mehr selbstständig denkenden Maschinen wird uns hin? Die Singularität der KI als entferntes Ziel, welche Schrift als Basis beinhaltet. Das Alphabet, welches den Homo sapiens bezwang?!
Es gibt Leute, die schreiben, weil sie der Meinung sind, dass das noch einen Sinn hat…Und dann gibt es Leute, die schreiben, obwohl sie wissen, dass das keinen Sinn hat.
(S.153/Flusser - Die Schrift)